Analysis-Blog: Folge 51
Peter Becker
veröffentlicht: 27 May 2021, zuletzt geändert: 27 Nov 2024 16:44
Schlüsselwörter: Stetigkeit
Wir haben in der vorigen Blog-Folge die Stetigkeit einer Funktion mithilfe eines Folgen-Kriteriums definiert. Eine Funktion $f:D\rightarrow \R$ ist demnach stetig an einer Stelle $x_0\in D$, wenn für alle Folgen $(x_n)$ aus $D$ gilt: \[ \lim_{n\rightarrow\infty} x_n = x_0 \quad\Longrightarrow\quad \lim_{n\rightarrow\infty} f(x_n) = f(x_0). \] Für Folgen kennen wir bereits eine Reihe von Rechenregeln, siehe hier. Mit diesen Rechenregeln für Folgen können wir nun wiederum Rechenregeln für die Stetigkeit von Funktionen herleiten. Der folgende Satz liefert zunächst Rechenregeln für die Stetigkeit von Funktionen, die durch arithmetische Verknüpfungen einfacherer Funktionen entstanden sind.
Es sei $D\subseteq\R$. Weiterhin seien $f,g: D \rightarrow \mathbb{R}$ in $x_0\in D$ stetige Funktionen und es sei $\lambda\in\mathbb{R}$.
Dann sind auch die Funktionen \[ \begin{array}{rclcl} f + g & : & D\rightarrow \mathbb{R}, & & x\mapsto f(x) + g(x) \\ \lambda\cdot f & : & D\rightarrow \mathbb{R}, & & x\mapsto \lambda\cdot f(x) \\ f\cdot g & : & D\rightarrow \mathbb{R}, & & x\mapsto f(x)\cdot g(x) \end{array} \] stetig in $x_0$. Gilt außerdem $g(x_0)\neq 0$, dann ist auch \[ \frac{f}{g}: D' \rightarrow \mathbb{R}, \quad x\mapsto\frac{f(x)}{g(x)} \] stetig in $x_0$, mit $D' := \{x\in D|g(x)\neq 0\}$.
Alle Aussagen dieses Satzes folgen direkt aus den bekannten Rechenregeln für Folgen. Als Beispiel betrachten wir die erste Aussage. Es sei $x_0$ in $D$ und $(x_n)$ eine beliebige Folge aus $D$ mit $\lim_{n\rightarrow\infty} x_n = x_0$. Dann folgt: \begin{eqnarray*} \lim_{n\rightarrow\infty} (f+g)(x_n) & = & \lim_{n\rightarrow\infty} f(x_n) + g(x_n) \\ & = & \lim_{n\rightarrow\infty} f(x_n) + \lim_{n\rightarrow\infty} g(x_n) \\ & = & f(x_0) + g(x_0) \\ & = & (f+g)(x_0). \end{eqnarray*} Das zweite "=" gilt, weil beide Grenzwerte existieren und die Grenzwerte existieren, weil beide Funktionen in $x_0$ stetig sind. Die Stetigkeit der beiden Funktionen ist dann in Verbindung mit der Grenzwertregel für "+" auch die Begründung für das dritte "=".
Alle anderen Aussagen des Satzes können analog gezeigt werden.
Aus dem vorstehenden Satz folgt ebenfalls direkt die Stetigkeit von Polynomen auf $\R$ und von rationalen Funktionen auf ihrem Definitionsbereich.
Es fehlt noch eine Rechenregeln für die Verkettung von stetigen Funktionen. Diese liefert der folgende Satz.
Es seien $D,E \subseteq \R$. Weiter seien $f:D\rightarrow\R$ und $g:E\rightarrow\R$ Funktionen mit $f(D)\subseteq E$.
Wenn $f$ stetig in $x_0$ und $g$ stetig in $f(x_0)\in E$ ist, dann ist die Funktion \[ g \circ f : D\rightarrow \mathbb{R},\quad x\mapsto g(f(x)) \] ebenfalls stetig in $x_0$.
Zur Erinnerung: Der Operator $\circ$ bezeichnet die Hintereinanderausführung (Verkettung) von Fuktionen, also \[ (g\circ f)(x) = g(f(x)). \] Man wendet auf das Argument $x$ zunächst die Funktion $f$ an und dann auf den Funktionswert $f(x)$ die Funktion $g$.
Wir müssen zeigen, dass für jede Folge $(x_n)$ in $D$ gilt: \[ \lim_{n\rightarrow\infty} x_n = x_0 \quad\Longrightarrow\quad \lim_{n\rightarrow\infty} g(f(x_n)) = g(f(x_0)). \] Sei also $(x_n)$ eine beliebige konvergente Folge aus $D$ mit Grenzwert $x_0$. Da $f$ stetig in $x_0$ ist, folgt $\lim_{n\rightarrow\infty} f(x_n) = f(x_0)$. Damit ist $\left(f(x_n)\right)$ eine konvergente Folge in $E$ mit dem Grenzwert $f(x_0)$. Weil $g$ wiederum in $f(x_0)\in E$ stetig ist, folgt $\lim_{n\rightarrow\infty} g(f(x_n)) = g(f(x_0))$.
Die Verknüpfung stetiger Funktionen, entweder mittels arithmetischer Operationen oder Verkettung, liefert wieder eine stetige Funktion, mit Ausnahme von Nullstellen im Nenner bei einer Quotientenbildung.